IKEM at COP30 in Brazil

„Die Dringlichkeit für mehr Klimaschutzmaßnahmen ist unbestreitbar”

Reinholz Kopytsia

Mitte November kommen Verhandlungsteams aus der ganzen Welt in Belém (Brasilien) zusammen, um bei der 30. Konferenz der Unterzeichner der UN-Rahmenvereinbarung zum Klimaschutz – kurz COP – über die Umsetzung des Pariser Übereinkommens und die nächsten Schritte für den globalen Klimaschutz zu sprechen. Wie in den vergangenen Jahren wird das IKEM vor Ort sein, ein Side-Event ausrichten und die ukrainische Delegation als offizieller Partner unterstützen. Mit Till Reinholz und Ievgeniia Kopytsia sprachen wir im Interview über die Prioritäten und Themen der diesjährigen Konferenz.

Auf der Klimakonferenz COP29 in Baku einigte sich die Weltgemeinschaft auf neue Ziele für die Klimafinanzierung und einen verbindlichen Rahmen für den weltweiten Handel mit Emissionsgutschriften unter Artikel 6 des Pariser Übereinkommens. Welche Beschlüsse sind in diesem Jahr zu erwarten?

Till Reinholz: Aufbauend auf den Fortschritten von Baku wird der Fokus in Belém darauf liegen, das Regelwerk zu Artikel 6 zu finalisieren und in die Praxis umzusetzen. Ziel der Verhandlungen ist es, verbindliche Regeln für die Erzeugung, den Handel und die Überwachung von Emissionszertifikaten festzulegen – mit der Vorgabe, hohe Integritätsstandards einzuhalten und Doppelzählungen zu vermeiden. Ob tatsächlich bindende Beschlüsse erzielt werden, ist aktuell offen. Ein Erfolg könnte jedoch den Weg für einen funktionierenden globalen Kohlenstoffmarkt mit hohen ökologischen Standards ebnen.

Ievgeniia Kopytsia: Für Industrie- wie Entwicklungsländer – insbesondere für Staaten, die von Konflikten betroffen sind, etwa die Ukraine – gehen die Diskussionen in Belém weit über Fragen der Marktarchitektur hinaus. Es geht darum, Klimapolitik mit Wiederaufbau, Resilienz und langfristiger Transformation zu verbinden. Aufbauend auf den Ergebnissen von Baku kann die COP30 zeigen, wie die Mechanismen von Artikel 6 nicht nur dem Emissionshandel dienen, sondern auch Investitionen für einen Wiederaufbau mobilisieren, der Klimaschutz und Resilienz verbindet. Die ukrainische Erfahrung verdeutlicht, dass der Wiederaufbau von Infrastruktur und Energiesystemen im Einklang mit Klimazielen erfolgen kann. Die zentrale Botschaft für Belém lautet daher: Die Klimaschutzanstrengungen müssen Marktmechanismen mit Solidarität und Wiederaufbau mit Dekarbonisierung verbinden.

Quelle: IKEM
Ievgeniia Kopytsia (erste von rechts) und Till Reinholz (dritter von rechts) bei einem Side-Event während der COP29 in Baku.

2024 war das erste Jahr, in dem die globale Durchschnittstemperatur 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau lag. Welche Auswirkungen hat das auf die Verhandlungen?

Ievgeniia Kopytsia: Dass die globale Durchschnittstemperatur erstmals die 1,5-Grad-Marke überschritten hat, macht die Dringlichkeit für mehr Klimaschutzmaßnahmen unbestreitbar. Die entscheidende Frage ist, ob sich aus dieser Dringlichkeit auch mehr Ambition ergeben. Wachsende geopolitische Spannungen, Nationalismus und multiple Krisen erschweren weiterhin die multilaterale Zusammenarbeit. Gleichzeitig fordern besonders betroffene Regionen – wie kleine Inselstaaten oder die Arktis – gerechtere und wirkungsvollere Finanzierungsmechanismen.

Till Reinholz: Die wachsende Dringlichkeit lenkt den Blick einerseits auf neue Klimaschutztechnologien und verdeutlicht andererseits die Notwendigkeit, schnellstmöglich naturbasierte Lösungen im großen Maßstab umzusetzen. Da die globalen Temperaturziele zunehmend außer Reichweite geraten, gewinnen Technologien zur CO₂-Entnahme (Carbon Dioxide Removal, CDR) an Bedeutung – sie könnten dabei helfen, mögliche Überschreitungsszenarien zu bewältigen. Maßnahmen wie Aufforstung, Bindung von Kohlenstoff in Böden oder direkte Luftabscheidung mit Speicherung können helfen, verbleibende Emissionen auszugleichen und das Klima zu stabilisieren. Vorrangig bleibt zwar die schnelle Emissionsminderung, doch CDR kann eine wichtige ergänzende Rolle spielen – vorausgesetzt, dies erfolgt unter strenger Überwachung und mit robusten Umweltstandards. Zugleich müssen wir uns der Frage stellen, wie eine globale, multilaterale Klimapolitik in einem Überschreitungsszenario fortgeführt werden kann und welche neuen Ziele wir uns als Weltgemeinschaft setzen, falls die bisherigen Klimaziele verfehlt werden.

Wie wird sich das IKEM bei der COP einbringen?

Till Reinholz: Das IKEM wird bei der COP30 Themen wie Landnutzung, Bodenschutz und gerechte Transformation in den Mittelpunkt stellen. Gemeinsam mit Partnern aus Brasilien und Südafrika hat das IKEM kürzlich Studien zur Governance von Landnutzung und zum Bodenschutz veröffentlicht. Zudem ist das IKEM Mitveranstalter des offiziellen COP30-Side-Events „Climate Change Mitigation and Adaptation for Agriculture in Conflict-Affected Countries“. Dort werden wir mit internationalen Expert:innen diskutieren, wie Klimapolitik und landwirtschaftlicher Wiederaufbau auch unter Krisenbedingungen vorangebracht werden können.

Ievgeniia Kopytsia: Darüber hinaus wird IKEM die ukrainische Delegation als offizieller Partner unterstützen. Gemeinsam mit der ukrainischen Regierung präsentiert IKEM in Belém ein Prototyp-Modell zur Umsetzung von Artikel 6 des Pariser Abkommens. Dieses bilaterale Rahmenwerk – unter anderem mit Partnern wie dem Vereinigten Königreich – sieht solidaritätsbasierte CO₂-Zertifikate vor, die Investitionsmittel für Wiederaufbauanstrengungen, den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Modernisierung von Stromnetzen bereitstellen sollen.

Quelle: Tom Fisk von Pexels
Für das IKEM sind Landnutzung und Bodenschutz – insbesondere in konfliktbetroffenen Gebieten – zentrale Themen bei der COP30.

Warum stehen Landnutzung und Bodenschutz in diesem Jahr besonders im Fokus?

Till Reinholz: Böden gehören zu den am wenigsten regulierten Umweltgütern, sind aber zentral für Kohlenstoffspeicherung und ökologische Stabilität. Der Flächenverbrauch schreitet global gesehen nahezu ungebremst voran, und gerade Brasilien als Gastgeberland steht im Zentrum vielfältiger Landnutzungskonflikte. Die Entscheidungen, die jetzt – insbesondere im Kontext von Klimafinanzierung und nationalen Klimaschutzverpflichtungen – getroffen werden, sind entscheidend, um dieser Entwicklung zu begegnen. Diese COP ist daher ein Schlüsselmoment für eine nachhaltige und gerechte Landnutzungspolitik.

Ievgeniia Kopytsia: In der Ukraine sind Landnutzung und Bodenschutz besonders relevant, da der Krieg Böden und Ökosysteme massiv geschädigt hat. Kontamination, Notnutzung und gestörte Verwaltungsstrukturen führen zu ökologischen wie sozialen Herausforderungen. Eine nachhaltige Landbewirtschaftung muss daher integraler Bestandteil von Wiederaufbau und Klimapolitik sein, um Energiewende und Wiederaufbau miteinander zu verbinden.

Warum sind soziale Teilhabe und Gerechtigkeit entscheidend für erfolgreichen Klimaschutz?

Till Reinholz: Tiefgreifende Veränderungen bei Energieversorgung, Landnutzung und Infrastrukturen betreffen das Leben der Menschen unmittelbar. Eine gerechte Transformation stellt sicher, dass dieser Wandel partizipativ, fair und sozial ausgewogen gestaltet wird. Transparente und inklusive Entscheidungsprozesse stärken die politische Legitimität, fördern eine gerechte Verteilung von Vorteilen und unterstützen so die Umsetzung internationaler Klimaverpflichtungen.

Ievgeniia Kopytsia: Dieses Prinzip hat ganz konkrete Bedeutung – insbesondere für die Ukraine. Damit Wiederaufbau schnell und nachhaltig gelingt, müssen politische Maßnahmen ökologische und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigen und eine ausgewogene regionale Entwicklung fördern, die insbesondere vom Krieg betroffene und ländliche Regionen einbindet.

Kontakt

IKEM – Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität e.V.

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IKEM and EUETH will be hosting a series of side events at this year’s climate negotiations to discuss the energy-climate-defense nexus, the reconstruction of Ukraine’s energy system, and nature-based solutions for climate mitigation.