IKEM-Jahrestagung 2025

Wege in die Wasserstoffwirtschaft

Prof. Dr. Michael Rodi | IKEM-Jahrestagung 2025 (© SeeSaw Agency | Jule Halsinger)

Bei seiner Jahrestagung 2025 hat das IKEM gemeinsam mit neunzig Gästen sowie Expert:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik eine Bestandsaufnahme vorgenommen: Wie steht es aktuell um den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft? Welche Weichen müssen gestellt werden, damit Wasserstoff und seine Derivate zum Rückgrat einer klimaneutralen Energieversorgung werden können?

In seiner Begrüßung betonte IKEM-Direktor Prof. Dr. Michael Rodi die Bedeutung von Wasserstoff für die Energiewende:

„Wasserstoff und seine Derivate sind zentrale Elemente der deutschen und europäischen Klimaschutzstrategien. Doch nach anfänglichem Enthusiasmus hat sich die Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft zuletzt verlangsamt. Mit unserer Jahrestagung wollen wir neue Impulse setzen und im Dialog mit Wissenschaft, Politik und Praxis Strategien für eine dynamische Transformation entwickeln.“

Vorträge

Dr. Philipp Steinberg (Experte für Energie- und Klimapolitik) erklärte in seiner Keynote, dass Wasserstoff stärker als integraler Bestandteil der Energiewende verstanden werden müsse – nicht als isolierte Lösung. Er forderte einen „intelligenten Dreiklang“ aus Infrastrukturförderung, klarem Regulierungsrahmen und Übergangsförderung, um Mengen- und Preisrisiken zu adressieren.

Prof. Dr. Mario Ragwitz (Fraunhofer IEG) beleuchtete –  ausgehend von den Ergebnissen des Leitprojekts TransHyDE – die Entwicklung des Wasserstoffbedarfs und der Transportkapazitäten. Die erarbeiteten Szenarien zeigten für Deutschland eine relativ breite Bedarfsspanne (400-2700 TWh bis 2050) und eine relativ starke regionale Konzentration der Verbraucher (vor allem Stahl- und Chemieindustrie). Für den weiteren Hochlauf müssten insbesondere diese Leitmärkte entwickelt werden.

Friederike Allolio (IKEM) widmete sich den rechtlichen Rahmenbedingungen für den Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur. Wesentliche Grundlagen seien bereits vorhanden oder würden derzeit – z.B. durch das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz – geschaffen. Damit der Rechtrahmen seine Wirksamkeit entfalten könne, müsse er jedoch von einem klaren politischen Bekenntnis zum Wasserstoffhochlauf flankiert werden.

Dr. Eva Schmid (dena) befasste sich mit den Voraussetzungen für den weiteren Markthochlauf der Wasserstofferzeugung. Die erste Stufe sei in den letzten fünf Jahren geschafft worden, doch für die zweite brauche es industrielle Ankerkunden, die Wasserstoff in großen Mengen abnehmen. Aktuell fehlten überzeugende Rahmenbedingungen, um diese Ankerkunden zu gewinnen. Nationale und europäische Instrumente müssten dringend nachgeschärft werden.

Anika Nicolaas Ponder (IKEM) hob die Bedeutung von Akzeptanz, Kommunikation und Beteiligung für eine erfolgreiche Transformation hervor. Auch wenn Klimaschutz aktuell weniger im Fokus stehe, unterstütze die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin die Energiewende und grünen Wasserstoff. Diese Unterstützung müsse sichtbarer werden. Gute Planung, offene Partizipation und klare Kommunikation seien entscheidend, um den Hochlauf nicht nur schnell, sondern auch fair und inklusiv zu gestalten.

Prof. Dr. Joachim Müller-Kirchenbauer (TU Berlin) analysierte in seinem Vortag den internationalen Wasserstoffhandel: Das weltweite Angebot übersteige aktuell die Nachfrage und größere Exportvolumina seien schon bei konkurrenzfähigen Kosten realisierbar. Doch die Markterwartung sei derzeit national wie international deutlich gedämpft. Die weitere Entwicklung des Wasserstoffhandels sei daher im zeitlichen und Mengenverlauf sehr unsicher.

Dr. Michael Kalis (IKEM) ergänzte die rechtliche Perspektive auf den globalen Wasserstoffhandel: Statt eines einheitlichen Weltmarkts entstünden derzeit fragmentierte Rechtsräume auf Basis bilateraler Partnerschaften. Europa könne in diesem Kontext versuchen, seine Regeln zu exportieren, riskiere dadurch aber auch Handelshemmnisse. Kalis forderte neue hybride Formen der rechtlichen Kooperation, um den Handel fair und nachhaltig zu gestalten.

Prof. Dr.-Ing. Karsten Lemmer (DLR) diskutierte den Einsatz von Wasserstoff im Mobilitätssektor: Chancen für wasserstoffbasierte Ansätze sieht er vor allem in der Luftfahrt. Ein THG-neutraler Luftverkehr sei möglich, wenn dafür die entsprechenden Weichen gestellt und in die Entwicklung neuer Technologien investiert würde.

Prof. Dr. Michael Lehmann (FH Erfurt/IKEM) befasste sich mit dem Einsatz von Wasserstoff im Schienenverkehr: Brennstoffzellenzüge seien derzeit nur in Ausnahmefällen sinnvoll, Batteriezüge oder Elektrifizierung oft die bessere Lösung. Wasserstoffbasierte regionale Wirtschaftskreisläufe könnten jedoch die Voraussetzungen für einen sinnvollen Einsatz von Wasserstoffzügen bieten.

Podiumsdiskussion

In der abschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Susan Wilms (IKEM), diskutierten Fabian Floto (Eternal Power), Dr. Nadine Kanu (Bundesverband Erneuerbare Energie), Bernhard Kluttig (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) und Friederike Lassen (Deutscher Wasserstoff-Verband) über die nächsten Schritte für die Wasserstoffwirtschaft.

Die Teilnehmenden betonten den erheblichen Ausbaubedarf bei den Elektrolysekapazitäten. Zentrale Herausforderungen für Investitionen in diese Anlagen sei die aktuell noch geringe Nachfrage nach Wasserstoff. Um Ausbauziele zu erreichen, müssten Wirtschaftlichkeit und Investitionssicherheit für entsprechende Vorhaben gestärkt und bestehende Umsetzungsinstrumente konsequent genutzt werden. Als mögliche Lösungsansätze wurden Anreize durch staatlich induzierte Nachfrage (z.B. mittels Vergaberecht) sowie Quotenregelungen diskutiert.

Ein zentrales Thema der Diskussion war der deutsche und europäische Rechtsrahmen. Aktuelle Initiativen wie das geplante Wasserstoffbeschleunigungsgesetz und das geplante Geothermiebeschleunigungsgesetz (relevant für die Speicherung von Wasserstoff) sowie die geplanten Quotenregelungen im Verkehrssektor seien zu begrüßen. Die nationale Umsetzung des EU-Gas-Wasserstoffbinnenmarktpakets könne ebenfalls Planungssicherheit für Investitionen schaffen.

Insgesamt bewerten die Teilnehmenden die Situation in der Wasserstoffwirtschaft zwar als angespannt, aber nicht hoffnungslos. Notwendig sei ein gesamtsystemischer Ansatz, der Energieversorgung, Industrie und Resilienz gemeinsam betrachtet und verlässliche Rahmenbedingungen für den weiteren Markthochlauf schafft. Deutschland solle im Wasserstoffbereich eine proaktive Industriepolitik verfolgen, die sowohl auf neue (internationale) Partnerschaften als auch die Förderung lokaler Erzeugung setze.

Die Vorträge und Diskussionen auf der Jahrestagung hätten gezeigt, dass Wasserstoff im Zusammenspiel mit anderen Dekarbonisierungsoptionen ein Schlüssel für eine klimaneutrale Zukunft sei, erklärt IKEM-Geschäftsführerin Susan Wilms und ergänzt:

„Die Grundlagen für die Wasserstoffwirtschaft sind, insbesondere im Hinblick auf Erzeugung und Transport von Wasserstoff, gelegt. Doch für den weiteren Hochlauf braucht es jetzt weitere internationale Kooperation, gesellschaftliche Akzeptanz, klare politische Signale sowie einen verlässlichen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmen. Ein besonderes Augenmerk muss dabei auf die Abnahmeseite des Wasserstoffmarkts gelegt werden – etwa mit Quotensystemen und Leitmärkten.“

Kontakt

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IKEM – Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität e.V.

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IKEM and EUETH will be hosting a series of side events at this year’s climate negotiations to discuss the energy-climate-defense nexus, the reconstruction of Ukraine’s energy system, and nature-based solutions for climate mitigation.