Vor Kurzem ist die 30. UN-Klimakonferenz (COP30) in Belém zu Ende gegangen. IKEM-Direktor Prof. Dr. Michael Rodi sowie Ievgeniia Kopytsia und Till Reinholz haben die Verhandlungen vor Ort begleitet. Neben der Teilnahme an zahlreichen Side Events vor und während der COP sowie der Mitgestaltung des ukrainischen Pavillons nutzte das Team die Gelegenheit, sich intensiv mit internationalen Wissenschaftler:innen und politischen Entscheidungsträger:innen auszutauschen. Die Schwerpunkte des IKEM lagen in diesem Jahr auf Land- und Bodenschutz sowie dem gerechten Übergang („Just Transition“). Im Interview berichtet Prof. Dr. Rodi von der Atmosphäre bei den Verhandlungen im Regenwald, die wichtigsten Themen und die zentralen Ergebnisse der COP30.
Wie war die Stimmung bei der COP30?
Rodi: Die Atmosphäre war deutlich offener und liberaler als bei vorherigen COPs in autokratischen Staaten. Die brasilianische Leitung bemühte sich um einen respektvollen Diskurs zwischen allen Beteiligten. Auffällig war die starke Präsenz indigener Gruppen und eine rege Beteiligung der Zivilgesellschaft – sowohl durch Demonstrationen in der Stadt als auch auf dem Konferenzgelände. Neu war zudem die aktive Einbindung indigener Vertreter:innen in inhaltliche Diskussionen zu Waldschutz und Finanzierung. Brasiliens angestrebte Rolle als Mittler zwischen fossilen und nicht-fossilen Ländern war spürbar. Insgesamt herrschte verhaltener Optimismus , unter anderem aufgrund der brasilianischen Zielsetzung, einen globalen Ausstiegspfad für fossile Energien politisch voranzubringen.
Welche Themen waren wichtig oder strittig?
Rodi: Im Mittelpunkt der Verhandlungen standen Artikel 6 des Pariser Abkommens, Fragen der Klimafinanzierung sowie der weitere Umgang mit fossilen Energien. Besonders kontrovers war die Ausarbeitung eines verbindlichen Ausstiegspfads für Kohle, Öl und Gas. Uneinigkeit bestand zudem bei der Finanzierung von Anpassungs- und Transformationsprozessen, einschließlich der Frage, wie stark die Mittel für den globalen Süden erhöht werden müssen. Beim Thema Entwaldung ging es vor allem um Verantwortung und Kontrollmechanismen für das Ziel, bis 2030 die Abholzung zu beenden. Das Konzept der „Just Transition“ wurde intensiv diskutiert, wobei vor allem Kriterien für soziale Teilhabe und faire wirtschaftliche Rahmenbedingungen im Mittelpunkt standen.
Was wurde beschlossen?
Rodi: Viele Länder stellten neue nationale Klimabeiträge (NDCs) vor, doch nach aktuellen Analysen reicht die Summe der NDCs weiterhin nicht aus, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Sie liegt deutlich über dem Emissionspfad, der zur Begrenzung der Erwärmung notwendig wäre. Außerdem wurde ein Just Transition Mechanism eingeführt und eine Verdreifachung der Klimaanpassungsfinanzierung angekündigt – allerdings ohne klare Definition des Ausgangswerts oder Zeitpunkts. Beim Thema Entwaldung gab es keine neuen Beschlüsse, lediglich eine Roadmap wurde entwickelt mit dem Verweis auf das bestehende Ziel, die Entwaldung bis 2030 zu stoppen. Eine neue Initiative Brasiliens, die „Tropical Forest Forever Facility“ (TFFF), könnte die Finanzierungsmöglichkeiten verbessern, doch bleibt die globale Umsetzung fraglich.
Wie bewerten Sie das Ergebnis?
Rodi: Die Konferenz endete ohne Durchbruch und mit einem Minimalkompromiss. Ein klarer globaler Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Energien fehlt weiterhin. Die Blockade einiger fossiler Staaten wie Indien, Russland und Saudi-Arabien verhinderte verbindliche Beschlüsse. Dennoch zeigen Vorreiterstaaten in allen Regionen der Welt, dass Ambition trotz Widerständen möglich ist. Insgesamt bleibt die Lücke zwischen den politischen Zusagen im Hinblick auf Klimaschutzmaßnamen und den wissenschaftlich belegten Notwendigkeiten groß.
Was wird für die nächste COP wichtig?
Rodi: Die COP31 in Ankara, unter der Präsidentschaft von Australien, steht unter großem Handlungsdruck – auch weil das 1,5-Grad-Ziel erstmals überschritten wurde. Die Themen bleiben ähnlich, aber wir brauchen endlich mehr Verbindlichkeit. Entscheidend wird die Weiterentwicklung und Umsetzung der freiwilligen Initiativen sowie die Entwicklung globaler Ausstiegspfade durch Vorreiterstaaten. Multilateralismus bleibt wichtig, allerdings eher in Form kleinerer, ambitionierter Gruppen statt großer globaler Vertragswerke.
Zudem wird Carbon Dioxide Removal (CDR) stärker in internationale Regulierung eingebunden werden müssen, etwa hinsichtlich Nachhaltigkeitskriterien, Zertifizierung und gesellschaftlicher Akzeptanz. Auch die Stärkung von Ökosystemen wie Mooren und Feuchtgebieten wird an Bedeutung gewinnen, da sie sowohl Kohlenstoff speichern als auch die Anpassungsfähigkeit verbessern.
Welche Erkenntnisse haben Sie aus der Reise nach Brasilien mitgenommen?
Rodi: Was mich beeindruckt hat, war die Gastfreundlichkeit und die Lebensfreude der brasilianischen Gastgeber. Aus der Exkursion in den Regenwald und den Gesprächen mit indigenen Gemeinschaften habe ich außerdem die Erkenntnis mitgenommen, wie wichtig die Einbeziehung lokaler Bevölkerung und die Achtung ihrer Traditionen für den Schutz sensibler Ökosysteme sind. Das Konzept der Just Transition ist eng mit politisch polarisierten Gesellschaften verknüpft – Brasilien ist hier ein gutes Beispiel. Die Beobachtungen vor Ort unterstreichen, dass soziale Teilhabe ein zentraler Faktor für den Erfolg globaler Transformationsprozesse ist. Die Perspektiven des globalen Nordens und Südens unterscheiden sich, doch es gibt auch viele Gemeinsamkeiten. Auffällig sind die unterschiedlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen, die für globale Governance-Rahmen systematisch berücksichtigt werden müssen.