Design Thinking für die Gleichstellung der Geschlechter

Design Thinking für die Gleichstellung der Geschlechter

Design Thinking hat die Kreativbranche revolutioniert. Das IKEM nutzt den Prozess, um die Kommunikation zur Gleichstellung der Geschlechter am Arbeitsplatz neu zu gestalten.

Das Projekt begann im Zug.  

Während die Felder Norddeutschlands an den Fenstern vorbeizogen, saßen Frauen zusammen und sprachen in gedämpfter Stimme über die Konferenz, die sie gerade verlassen hatten. Sie war nicht ganz so verlaufen wie erwartet.  

Eine Frau berichtete, ein Mann habe sie gebeten, Notizen zu machen, während er und die anderen Männer sich über Themen wie das Stromnetz und Windturbinen unterhielten –Themen, die sie eigentlich mitdiskutieren wollte.

Eine andere Frau, die an der Konferenz teilnahm, um die Aussichten von Windenergie in der Ostsee zu erörtern, wurde von den Männern auf der Konferenz angewiesen, das Geschirr abzuräumen, nachdem die Teilnehmer:innen ihr Mittagessen beendet hatten. 

Inhaltsübersicht

Eine dritte Frau wurde bei einer der Networking-Veranstaltungen begrapscht.

Und alle Frauen hatten die Zähne zusammengebissen, als sie die Toilettentüren in der Hotellobby sahen, welche die Damentoiletten von den Herrentoiletten durch ein einziges Wort in einer aufgemalten Sprechblase unterschieden: „Shopping“ für Frauen, „Fußball“ für Männer. 

Teammitglieder vom IKEM und Ellery Studio diskutieren das Toolkit-Konzept.

Im Laufe des Gesprächs kristallisierte sich schnell ein gemeinsamer Nenner heraus: Keine der Frauen war mit ihrer Reaktion zufrieden. Ihnen gingen verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf, aber sie zögerten zu lange – sie wollten keine Szene machen, niemanden beschuldigen, keine Berufskollegen in ihrem Bereich verärgern.  

Die Frauen – allesamt IKEM-Mitarbeiterinnen – wunderten sich, dass dies alles auf einer Konferenz zum Klimaschutz geschah, einem Bereich, der noch eher als andere Befürworter:innen einer weitreichenden progressiven Politik, einschließlich der Gleichstellung der Geschlechter, anzuziehen schien. Wenn all dies dort passieren konnte, fragten sie sich, was passiert dann auf Konferenzen in anderen Bereichen?  

Und: Was wäre, wenn sie es ändern könnten? Was wäre, wenn es eine Möglichkeit gäbe, Frauen davor zu bewahren, ähnliche Erfahrungen zu machen – nach einer Antwort zu suchen, sie aber nicht zu finden und dann den Stachel der Wut und des Bedauerns zu spüren?  

Als der Zug im Berliner Hauptbahnhof zum Stehen kam, hatten sie Pläne für ein Toolkit entwickelt, das Erfahrungen wie diese beleuchten und Frauen ermutigen soll, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und ermächtigende Antworten zu diskutieren, ein Toolkit, das  Fakten und Zahlen liefert, um starke Argumente für die Gleichstellung der Geschlechter zu entwickeln.  

Quelle: Ellery Studio
Anika Nicolaas Ponder spricht während einer Sitzung zum Toolkit-Konzept.

Anika Nicolaas Ponder, Leiterin der Abteilung Nachhaltigkeit und Innovation am IKEM und eine der Initiatorinnen des Projekts, stellte die Idee den Designer:innen von Ellery Studio vor, die sofort dem Konzept begeistert waren. Schnell bildete sich ein Team, dem Künstler:innen, Ingenieur:innen, Sozialwissenschaftler:innen, Werbetexter:innen, Übersetzer:innen und weitere aus mehr als sieben Ländern angehörten.  


Design Thinking

Das Team entwickelte das Toolkit mithilfe einer Methode namens Design Thinking. Dabei handelt es sich um einen iterativen, also sich wiederholenden, Ansatz für die Produktentwicklung, bei dem die Endnutzer:innen direkt in den Entwicklungsprozess einbezogen werden, um das Produkt so genau wie möglich auf ihre Bedürfnisse abzustimmen. Auf diese Weise wird ein kollaboratives Umfeld geschaffen, das die traditionellen Hierarchien des Designprozesses aufhebt und die Endnutzer:in – und nicht die Produktentwickler:in – in den Mittelpunkt des kreativen Prozesses stellt. 

Quelle: Ellery Studio
Bernd Riedel (dritter von rechts) hört während einer frühen Diskussion über das Toolkit zu.

Bernd Riedel, Leiter für kreative Strategie und Design bei Ellery Studio, beschrieb den Ansatz als „formale Version eines funktionalen Designprozesses, der so dargestellt wird, dass er auch Menschen zugänglich ist, die nicht unbedingt aus der Designwelt kommen“. Der Design-Thinking-Prozess sei in der Kreativbranche nützlich, weil er einen geordneten Ansatz biete, um „von den Zielen aus gedacht zu dem überzugehen, was man machen will und wie man es machen will – und wie man die Dinge tatsächlich umsetzt. Es kann Struktur in dieses Universum der wilden Kreativität bringen“.  

Der Ansatz war für die Entwicklung des EQT-Toolkits wie geschaffen, erklärte Riedel, da die Idee für das Projekt von Personen stammte, die nicht im Designbereich tätig sind. „Der Prozess war von Anfang an ko-kreativ“, sagte er. 

Riedel, der seit den ersten Brainstorming-Sitzungen an der Entwicklung des EQT-Toolkits beteiligt war, meint, das Verfahren sei auch deshalb besonders geeignet für das Projekt, weil es dem Team ermöglichte, die Dynamik, die das Toolkit ansprechen sollte, im Designprozess selbst nicht zu reproduzieren: Die Methodik kultivierte ein Umfeld der Zusammenarbeit, das die Produktentwicklung auf die Bedürfnisse von Frauen und ihren Verbündeten ausrichtete. 

„Wir wollten vermeiden, so zu tun, als wären wir die Hüter:innen der Informationen, insbesondere für Frauen“, sagte er.  

Quelle: IKEM

Die Design-Thinking-Methode blieb zunächst relativ konturlos, bis der British Design Council 2004 den Double-Diamond-Rahmen einführte, der den Prozess formalisierte. Der Rahmen stellt eine Art Landkarte für die Produktentwicklung dar und präsentiert die Methodik als eine Reihe von vier Schritten. Die Schritte werden als zwei nebeneinander liegende Rauten visualisiert, wobei die erste den „Problemraum“ und die zweite den „Lösungsraum“ darstellt.

Jeder dieser Räume steht wiederum für zwei Schritte im Designprozess: Der Problemraum besteht aus den ersten beiden Schritten des Prozesses, Entdecken und Definieren, während der Lösungsraum die letzten Schritte, Entwickeln und Ausliefern, umfasst. 

Im Design-Thinking-Prozess endet die Arbeit jedoch nicht mit der Auslieferung des Produkts. Nach der Freigabe des Endprodukts sammeln die Designteams weiterhin Anregungen, um das Produkt zu verfeinern und seine Qualität zu verbessern – eine Feedback-Schleife, die mit jeder Wiederholung zu einem Produkt führt, das die Bedürfnisse der Endnutzer:innen noch besser erfüllt.  

Für das Team, das EQT entwickelt hat, waren die im Double Diamond Framework beschriebenen Schritte richtungsweisend für den Entwicklungsprozess. 

Quelle: Ellery Studio
Quelle: Ellery Studio

Schritt 1: Entdecken 

In der ersten Phase, der Entdeckungsphase, untersuchen die Designteams eine Herausforderung aus allen Blickwinkeln, indem sie am Schreibtisch recherchieren, Brainstorming-Sitzungen abhalten und Feldanalysen betreiben, einschließlich Interviews. In den Brainstorming-Sitzungen ist nichts tabu: Ziel ist es, so viele ungefilterte Ideen wie möglich zu sammeln. Das Team notiert die Ideen auf Haftnotizen und klebt sie an die Wände des Besprechungsraums. So entsteht ein ständig wachsender Flickenteppich aus farbigem Papier, der es den Teammitgliedern ermöglicht, die Verbindungen zwischen den einzelnen Ideen zu visualisieren.  

Laut Nicolaas Ponder hängt der Erfolg des Design-Thinking-Ansatzes von der Fähigkeit der Beteiligten ab, die „neutrale Perspektive eines Fremden“ einzunehmen – gerade in der Entdeckungsphase. 

„Man braucht diese berufliche Naivität, um die Dinge aus einer neuen Perspektive zu sehen und sie dann besser zu gestalten“, sagt sie. „Wir versuchen, ein Problem, eine Herausforderung oder einen verbesserungsbedürftigen Prozess aufzugreifen und stellen dann Fragen – zum Beispiel: Stecken wir in alten Systemen fest? Wie können wir einen Ansatz überdenken, ihn neu gestalten und umsetzen? Wir stellen uns vor, was sein könnte, und dann entwickeln wir es.“

Quelle: Ellery Studio
Illustratorin Sheree Domingo (ganz rechts) and Grafikerin Odile Stabon führten Interviews mit Frauen über ihre Erfahrungen mit Sexismus am Arbeitsplatz.

In dieser ersten Phase der Entwicklung des Toolkits lag einer der Schwerpunkte des Teams auf der Feldforschung. Odile Stabon, die leitende Designerin für das Infografik-Poster des Toolkits, führte gemeinsam mit der Illustratorin Sheree Domingo Interviews mit 15 Frauen über ihre Erfahrungen mit Sexismus am Arbeitsplatz. Nach jedem Interview dokumentierten Stabon und Domingo sorgfältig, was sie gehört hatten, und notierten sich jeweils den Beruf der Frau. Sie sprachen mit Frauen aus verschiedenen Bereichen, darunter eine Tätowiererin und eine Ingenieurin.  

„Es war überraschend herauszufinden, dass so viele Frauen innerhalb ihrer Berufswege ähnliche Situationen durchleben“, so Stabon. „Keine einzige Frau, die wir befragt haben, sagte: ‘Oh, ich habe keine Erfahrung mit Sexismus am Arbeitsplatz'“. 

Stabon, die jetzt am IKEM als Grafikdesignerin arbeitet, hatte die Arbeit am EQT direkt nach ihrer Anstellung bei Ellery Studio begonnen.

„Die Interviews für das Toolkit waren eine wirklich wertvolle Gelegenheit für mich persönlich“, sagt sie. „Während ich meine Karriere startete, lernte ich gleichzeitig Szenarien kennen, die bei der Arbeit auftreten können, und fand heraus, wie ich problematische Situationen benennen kann, die ich vielleicht schon erlebt habe, ohne zu merken, dass sie falsch waren.“

Louise Camier, die als Werkstudentin am IKEM mit der Analyse von Hintergrundinformationen für das Toolkit begann, sagte, sie sei von vielen Erkenntnissen der Recherche überrascht gewesen – etwa vom Fortbestehen des geschlechtsspezifischen Lohngefälles trotz Gesetzen, die geschlechtsspezifische Lohndiskriminierung verbieten – und war erstaunt darüber, wie viele Fortschritte bei den Frauenrechten erst vor kurzem erzielt wurden.

„Ich war schockiert, dass sich so viele der Möglichkeiten, die wir heute als selbstverständlich ansehen, erst vor relativ kurzer Zeit eröffnet haben“, sagt sie. 

Als die Entdeckungsphase abgeschlossen war, hatten Camier und andere Forscher:innen Statistiken, Fakten und Zahlen in einem umfangreichen Dokument zusammengestellt, das in der folgenden Phase überprüft und geordnet werden sollte. 

Schritt 2: Definieren 

In der Phase „Definieren“ geht das Designteam alle Ideen durch, analysiert die Daten, die es bei seinen früheren Recherchen gesammelt hat, und identifiziert die Gemeinsamkeiten, die sich aus den Interviews ergeben haben. Ziel ist es, die Grundursachen des Problems zu ermitteln, die in der nächsten Phase des Prozesses – der Produktentwicklung – die Richtung vorgeben. 

Das Team überprüfte die Notizen aus den Interviews und der Sekundärforschung. In den Interviews berichteten die Frauen, dass sie sich durch ihre Begegnungen mit Sexismus am Arbeitsplatz entmachtet fühlten. Sie neigten dazu, sich selbst die Schuld an der Situation zu geben – in vielen Fällen, weil sie glaubten, dass sie ein Verschulden an der Situation trifft, und in fast allen Fällen, weil sie das Gefühl hatten, dass sie in dem Moment nicht effektiv reagiert hatten. 

Die anekdotische Evidenz aus den Interviews wurde durch eine Fülle von Forschungspublikationen bestätigt, die die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern als anhaltendes Problem an Arbeitsplätzen in der ganzen Welt, auch in Westeuropa, belegen. 

Nach der Analyse ihrer Forschungsergebnisse legte das Team die Richtung des Projekts fest. „Wir entwickelten eine Ausgangsfrage“, so Stabon, „die lautete: Wie können wir Frauen befähigen, Sexismus am Arbeitsplatz zu erkennen und darauf zu reagieren? Dann haben wir die verschiedenen Elemente des Toolkits als Antwort darauf entwickelt.“

Quelle: Ellery Studio
Eine frühe Skizze des EQT-Logos.

Doch um die Probleme zu bestimmen, die mit dem Toolkit angegangen werden können, musste gleichzeitig bestimmt werden, welche Probleme es nicht angehen kann. Das machte die Definitionsphase zu einem der schwierigsten Aspekte bei der Entwicklung des Toolkits. 

„Unser Team wollte all den sozialen Ungleichheiten gerecht werden, die im Jahr 2022 eigentlich kein Thema mehr sein sollten“, sagt sie und beschreibt die Überlegungen des Teams zur Ausrichtung des Projekts als „langen Prozess“.  

„Um ein zielgerichtetes und wirksames Produkt zu schaffen, das viele verschiedene Menschen anspricht und rechtzeitig produziert werden kann, haben wir beschlossen, uns vorerst auf die Gleichstellung der Geschlechter am Arbeitsplatz zu konzentrieren, vor allem auf Frauen und Femme-Personen“, so Nicolaas Ponder.  

Nach Abwägung verschiedener Optionen entschied das Designteam, dass ein infografisches Poster, ein informatives Handbuch und ein illustriertes Kartenspiel mehrere Ziele erreichen könnten. 

Quelle: Ellery Studio
Bernd Riedel (zweiter von links) und Sheree Domingo (zweite von rechts) nehmen an einer Diskussion über das Toolkit teil.

In den Interviews berichteten Frauen, dass sie aus verschiedenen Gründen zögerten, Gespräche über die Gleichstellung der Geschlechter anzustoßen – zum Beispiel, weil ihnen das Thema zu komplex erschien, um es in einem lockeren Gespräch zu entwirren, oder weil sie sich davor scheuten, eine Sichtweise zu äußern, die wahrscheinlich auf tief verwurzelten Widerstand stoßen würde, oder weil sie nicht riskieren wollten, die Stimmung in einer geselligen Runde zu verderben.

Durch die Verwendung von Illustrationen im Comic-Stil in jedem Element des Toolkits wird der Ton des Themas leicht gehalten. Das könnte die Hemmschwelle für ein Engagement so weit senken, dass sich die Menschen tatsächlich für das Thema interessieren und sich an Gesprächen zu diesem Thema beteiligen.  

Das Team ging davon aus, dass Frauen und ihre Verbündeten sich eher in der Lage fühlen würden, sexistische Situationen zu erkennen und darauf zu reagieren, wenn sie über Fakten und Zahlen sowie ein detailliertes Verständnis der Geschlechterungleichheit am Arbeitsplatz verfügten. Das Poster und das Handbuch könnten Zugang zu Fakten und historischen Hintergründen über die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bieten und Frauen in die Lage versetzen, ihre eigenen Erfahrungen in einen breiteren sozialen Kontext einzuordnen, was die Wahrscheinlichkeit verringern könnte, dass sie sexistische Begegnungen als etwas interpretieren, das sie sich irgendwie selbst zuzuschreiben haben.  

Um dem Eindruck entgegenzuwirken, dass ein Gespräch über die Gleichstellung der Geschlechter zu komplex sei, würde das Kartenspiel einen überschaubaren Ansatz bieten: Das Ziel wäre nicht, eine pauschale Lösung für die Ungleichheit der Geschlechter zu finden, sondern die Ungleichheit der Geschlechter so anzugehen, wie sie sich im täglichen Leben manifestiert – als eine Reihe individueller Interaktionen zwischen Frauen und Kolleg:innen, Arbeitgeber:innen, Zufallsbekanntschaften und anderen. Das Format des Spiels würde den Dialog anregen und die Spieler:innen dazu bringen, viele mögliche Reaktionen auf eine einzige Situation abzuwägen. 

„In den Interviews kam häufig zur Sprache, dass die Frauen schockiert waren, wenn diese sexistischen Situationen am Arbeitsplatz auftraten, nicht wussten, wie sie reagieren sollten und sich später schuldig fühlten, weil sie nichts dagegen unternommen hatten“, so Stabon.

„Das Kartenspiel wurde entwickelt, um diesem Effekt entgegenzuwirken. Der Vorteil des Kartenspiels besteht darin, dass man diese Szenarien veranschaulicht sieht und im Rollenspiel nachspielen kann, wie sie sich abspielen könnten“, sagte sie. Wenn die Situation dann im wirklichen Leben eintritt, kann man schnell einen Weg finden, um zu reagieren. 

Nachdem das Team die Richtung des Projekts festgelegt hatte, begann es, sich auf die Entwicklung jeder einzelnen Komponente zu konzentrieren. 

Schritt 3: Entwickeln 

Das erste Produkt, das für das EQT-Toolkit entwickelt wurde, war ein infografisches Poster. 

„Die Idee, ein Poster zu erstellen, entstand aus unseren Recherchen“, so Stabon, „denn wir fanden, dass es nicht genug Wissen gibt. Also recherchierten wir weiter, lasen über die Geschichte des Feminismus, sammelten Informationen über Frauen aus der Vergangenheit und beschlossen, dass wir ein Informationsblatt herausgeben könnten, das zeigt, wie all diese Frauen vor uns den Weg geebnet haben.  

Die Untersuchungen des Teams haben gezeigt, dass sich die Kluft zwischen den Geschlechtern in der EU erst in 61 Jahren schließen wird, wenn die Fortschritte im derzeitigen Tempo weitergehen. In Nordamerika wird die vollständige Gleichstellung der Geschlechter sogar noch länger dauern: unglaubliche 168 Jahre. Ein Poster, das die Errungenschaften der letzten 150 Jahre dokumentiert, könnte Frauen – und ihren Verbündeten – die Hoffnung geben, dass trotz anhaltender Probleme wie dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle weitere Fortschritte möglich sind, so die Überlegung des Teams. Diese und andere Statistiken sind in Infografiken auf dem Poster enthalten.  

Quelle: Ellery Studio
Quelle: Ellery Studio
Eine frühe Skizze der Vorderseite (ganz oben) und Detailansichten des fertigen Posters.

Auf der Vorderseite des Plakats skizzierte Stabon eine Zeitleiste, die aus vier schäumenden Wellen besteht, die die „Wellen“ des Feminismus darstellen. Jede Welle besteht aus einem Flickenteppich handgeschriebener Zusammenfassungen einzelner Meilensteine, illustriert von den Ellery-Künstlerinnen Domingo, Lucía Cordero und Hannah Rasper. Die Zeitleiste beginnt mit der ersten Frauenrechtskonvention im Jahr 1848 und endet in der Gegenwart. 

Die Arbeit mit dem Titel „Women making waves: a brief history of female empowerment“ (Frauen, die Wellen schlagen: eine kurze Geschichte der weiblichen Selbstbestimmung) gewann bei den Malofiej International Infographics Awards 2018 den Equality and Woman’s Promotion Award in der Kategorie Print.  

Mitglieder des EQT-Teams feiern die Nachricht, dass das Poster bei den Malofiej International Infographics Awards den Main Award in der Kategorie Gleichstellung und Frauenförderung (Print) gewonnen hat.

Nachdem der Text des Handbuchs fertiggestellt war, begannen Künstler:innen und Designer:innen bei Ellery – darunter Domingo, Cordero, Gaja Vičič und Hannah Schrage – mit der Arbeit an Illustrationen und der Formatierung. Im Handbuch werden Text und Illustration kombiniert, um den Inhalt auf kreative Weise darzustellen: In einem Kapitel werden gängige Hindernisse für den beruflichen Aufstieg von Frauen erläutert, indem der klebrige Boden“, die gläserne Decke“  und andere Konzepte als eine Reihe von Fallen dargestellt werden, die das Vorankommen in den dunklen Gängen eines Spukhauses behindern 

Quelle: Ellery Studio
In einem Kapitel des EQT-Handbuchs werden gängige Mythen über das geschlechtsspezifische Lohngefälle entlarvt.

In der Zwischenzeit analysierte das vom IKEM geleitete Forschungsteam – zu dem Kate Miller und Dàmir Belltheus Avdič sowie Nicholaas Ponder, Steinkraus und Camier gehörten – Berichte und andere verfügbare Materialien zum Thema Geschlechterungleichheit und fasste die Ergebnisse in einem 46-seitigen begleitenden Handbuch zusammen. Das Handbuch enthält die wichtigsten Erkenntnisse und überzeugendsten Argumente, die die Grundlage für eine produktive Diskussion über die Gleichstellung der Geschlechter bilden können. Der Text gliedert sich in acht Kapitel, die jeweils einen bestimmten Aspekt der Geschlechterungleichheit behandeln.

Ein Kapitel räumt beispielsweise mit weit verbreiteten Mythen über das geschlechtsspezifische Lohngefälle auf, von Es gibt kein geschlechtsspezifisches Lohngefälle“ bis hin zu Frauen verdienen weniger, weil Männer besser darin sind, höhere Gehälter auszuhandeln“. Der Titel des Handbuchs, Gleichstellung der Geschlechter: alle an Bord! verweist auf das Ziel – Frauen und ihre Verbündeten zu inspirieren, sich gemeinsam für die Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen – und auch auf die Zugfahrt, die das Projekt in Gang gesetzt hat.  

Quelle: IKEM

Um das Spiel zu entwickeln, ging das Team die früheren Interviews durch, fasste jedes Szenario in ein paar Zeilen prägnanten Text zusammen und entwickelte einen Titel für jedes dieser Szenarien, der kreative Wortspiele enthielt. Nach der Erstellung von 50 dieser Situationskarten entwickelte das Team weitere 50 Reaktionskarten, fügte zwei Joker hinzu und illustrierte jede der 102 Karten im Stil eines bunten Comics.  

Alex Steinkraus, die kurz nach ihrem Eintritt am IKEM im Jahr 2019 mit der Arbeit an dem Toolkit begann, sieht das Kartenspiel als einen einzigartigen Aspekt des Toolkits, weil es EQT ermöglicht, mehr zu sein als „etwas, das nur zum Lesen und Konsumieren gebaut wurde“, sagt sie. „Mit dem Kartenspiel waren wir in der Lage, es interaktiv zu gestalten – etwas, das die Menschen tatsächlich ausprobieren und über das sie sich unterhalten können.“ 

Die Grafik im Comic-Stil und der humorvolle Text geben dem Spiel Leichtigkeit – ohne den Spieler:innen einfache Antworten zu reichen. Stattdessen gibt es ihnen einen Rahmen für das, was Stabon als „angeleitete Lösungen“ bezeichnet. „Das Kartenspiel ist eine aktive Übung, die die Spieler:in auf spielerische Weise dazu anleitet, eigene Lösungen zu finden“, sagte sie.  

Quelle: Ellery Studio
Ein früher Prototyp des Kartenspiels.

Das Team entwarf das Spiel, um konstruktive Gespräche anzuregen, die Frauen dazu ermutigen sollten, ihre eigenen Erfahrungen mit Sexismus zu teilen und mögliche Reaktionen auf zukünftige Szenarien zu diskutieren. „Im Laufe des Projekts wurde uns sehr schnell klar, dass jede Frau oder Femme-Person ihre eigene Sammlung an solchen Erfahrungen hat“, so Riedel. „Deshalb setzen wir uns in dem Rollenspiel intensiv mit verschiedenen Szenarien auseinander und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass sich Menschen austauschen und ihre Gedanken teilen können.“

Dieser Austausch wurde auch in das Spiel integriert, um eines der Probleme anzusprechen, die das Team in seinen Interviews über Sexismus am Arbeitsplatz festgestellt hatte: Frauen gaben sich selbst die Schuld an den Situationen und behielten ihre Erfahrungen für sich, was sie oft daran hinderte, das Selbstvertrauen zu gewinnen, etwas zu unternehmen.

„Dieses Gefühl der Isolation anzusprechen und zu ändern ist ebenfalls sehr wichtig“, so Nicolaas Ponder. „Das Spiel ist eine Art gemeinschaftsbildende Übung. Es führt dazu, dass man sich mit Kolleg:innen austauscht und macht deutlich, dass man nicht die Einzige ist, der es so geht.“

Quelle: Ellery Studio
Workshop-Teilnehmer:innen sichten die Materialien des Toolkits.

Die Spieler:innen bringen ihre eigene Vorgeschichte in das Spiel ein, die dann die Gespräche zu den Situationen und Reaktionen prägt. Das macht das Kartenspiel integrativer, so Stabon, denn „es stellt die Nutzer:innen in den Mittelpunkt des Erlebnisses und gibt ihnen visuelle Hinweise, um Gespräche anzuregen, die von ihren eigenen Werten, Wahrnehmungen und Meinungen geleitet werden“. Es bedeutet auch, dass das Spiel jedes Mal, wenn es gespielt wird, eine grundlegend andere Erfahrung bieten kann, je nach den teilnehmenden Spieler:innen.  

In der Entwicklungsphase des Projekts veranstaltete das Team eine Reihe von Workshops im Studio, bei denen sie die Teilnehmer:innen in kleine Gruppen aufteilten, Prototypen der Karten verteilten und anschließend Feedback zur tatsächlichen Spielerfahrung sammelten. Nach diesen „Betatests“ traf sich das Team, um zu besprechen, wie das erhaltene Feedback umgesetzt werden sollte. In einigen Fällen bedeutete dies, bestimmte Karten zu verwerfen und neue zu erstellen oder den Wortlaut des Textes zu ändern.

Das Team arbeitete ausgiebig an den Kartentiteln, um den richtigen Ton für die englische und die deutsche Version des Spiels zu treffen – ein großes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass das Wortspiel nur selten direkt von einer Sprache in die andere übersetzt werden kann. 

Quelle: Ellery Studio
Sheree Domingo spricht zu den Workshop-Teilnehmer:innen vor einer Prototypen-Feedback-Sitzung.

In den Feedback-Sitzungen merkten die Teilnehmer:innen an, dass einige der Situationskarten sie an etwas erinnerten, das sie im wirklichen Leben gesagt oder getan hatten, ohne dass ihnen damals bewusst war, wie es rübergekommen war. Andere äußerten sich skeptisch, dass die auf den Situationskarten dargestellten Szenarien im wirklichen Leben vorkommen würden, da einige der Verhaltensweisen zu extrem seien, um realistisch zu sein.  

„Mir ist aufgefallen, dass viele Leute die Karten gesehen haben und sich gefragt haben: ,Oh, mein Gott, gibt es das überhaupt?'“ sagt Nicolaas Ponder. Das Team konnte darauf antworten, indem es auf die in der Entdeckungsphase durchgeführten Interviews verwies, die das Material für die Szenarien lieferten. „Alle diese Situationen sind aus diesen Interviews entstanden, die mit so vielen verschiedenen Menschen aus allen Lebensbereichen, Branchen und Berufen geführt wurden. Diese Situationen basieren alle auf Erfahrungen aus dem wirklichen Leben. Wir können also aus vollem Herzen sagen: ,Ja, das kommt vor'“. 

Auf der Grundlage der Beiträge der Workshop-Teilnehmer:innen nahm das Team eine Feinabstimmung des Toolkits vor. Sie machten die Regeln klarer, tauschten einige Situationskarten mit anderen aus und bastelten an der Textgestaltung einiger Karten herum. Außerdem fügten sie jedem Deck mehrere leere Karten hinzu, damit die Spieler:innen die vorhandenen Karten mit einem Szenario aus ihrem eigenen Leben ergänzen können.  

Quelle: Ellery Studio
Odile Stabon (dritte von links) schaut während eines Betatests des Kartenspiels zu.

Steinkraus betrachtet die Workshops als einen wichtigen Schritt bei der Erstellung des Toolkits. Durch die Einbindung der Workshop-Teilnehmerinnen in den Prozess der Entwicklung und Feinabstimmung des Toolkits, so Steinkraus, „waren wir in der Lage, mit vielen verschiedenen Frauen mit unterschiedlichem Hintergrund zu sprechen und sicherzustellen, dass die Ko-Kreation wirklich ein Kernstück des Toolkits ist“.

Dies war für den Prozess des Teams von entscheidender Bedeutung, erklärt sie, da jede Teilnehmerin Fachwissen beisteuerte, das eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Projekts spielte.

„Wir können zwar nicht für alle sprechen, aber durch die Workshops konnten wir so viele verschiedene Stimmen – so viele verschiedene Perspektiven von Frauen von den unterschiedlichsten Arbeitsplätzen – wie möglich einbeziehen“, sagt sie. „Und ich glaube nicht, dass diese Inklusivität ohne so etwas wie Design Thinking und diesen Workshop-Ansatz zur Mitgestaltung möglich gewesen wäre.“ 

Quelle: Ellery Studio
Andi Richter von Ellery Studio hört während eines EQT-Workshops zu.

Schritt 4: Ausliefern 

Nachdem die Prototypen fertiggestellt waren, wandte sich das Team der Auslieferung zu. Sie begannen mit den Vorbereitungen für eine Crowdfunding-Kampagne – ein wesentlicher Schritt zur Finanzierung der Produktion des Endprodukts. Die EQT-Kickstarter-Kampagne, die am 19. Mai gestartet wurde, zielt darauf ab, bis zum 3. Juli 9.900 Euro zu sammeln, um mit der Herstellung zu beginnen. 

Doch schon vor Beginn der Kampagne erhielt das Team erste Anfragen für Workshops, die auf dem Toolkit basierten. Anfang 2022 tauschten Stabon, Nicolaas Ponder, Steinkraus und Camier beispielsweise Erkenntnisse aus dem Entwicklungsprozess des Toolkits mit Vertreterinnen ukrainischer Frauenrechtsorganisationen aus.

„Der Workshop, der von Cultural Vistas organisiert wurde, war eine großartige Erfahrung“, so Nicolaas Ponder. „In unserer Präsentation haben wir sehr ehrlich über unsere Erfahrungen gesprochen, über die Tatsache, dass wir vor der Erstellung des Toolkits nicht unbedingt wussten, dass bestimmte Dinge, auf die wir gestoßen sind, auf geschlechtsspezifischen Vorurteilen, Sexismus oder Ungleichheit beruhten“.

Sie war mit den Ergebnissen des Workshops zufrieden: „Die Teilnehmer:innen waren begeistert von dem Potenzial des Toolkits, einen positiven Wandel anzustoßen. Wir haben so viel positives Feedback bekommen“, sagt sie. 

Das Team plant, weitere Workshops zu verschiedenen Aspekten der Geschlechtergleichstellung anzubieten. Einige Workshops können Wege aufzeigen, wie Arbeitgeber:innen durch die Einführung geschlechtergerechter Praktiken am Arbeitsplatz zusätzliche Intelligenz bei ihren Mitarbeiter:innen freisetzen und die Zufriedenheit der Arbeitnehmer:innen erhöhen können. Nicolaas Ponder hofft auch, Workshops zu entwickeln, die sich auf das Fachwissen des IKEM im Bereich der Nachhaltigkeit stützen, um die Überschneidung zwischen Geschlechtergleichstellung und dem Klimawandel zu untersuchen. 

Riedel sieht viele Möglichkeiten für das Toolkit, den Wandel voranzutreiben, von Schulungen am Arbeitsplatz bis hin zu zwanglosen Treffen. „Es gibt so viele Situationen, in denen man das Toolkit einsetzen kann, um dieses Thema zu erforschen und zu sehen, was passiert“, sagt er. „Wir hatten bereits eine Reihe von Veranstaltungen, bei denen die Leute wirklich interessiert waren, es auszuprobieren, vor allem in progressiven Konferenzformaten.“ 

„Ich denke, das Toolkit hat das Potenzial, das Leben am Arbeitsplatz und darüber hinaus grundlegend zu verbessern“, fügte Camier hinzu.

Alex Steinkraus (zweite von rechts) sieht sich das Kartenspiel bei der Feier zum Start der EQT-Kampagne an.

Für die Ersteller:innen hat das Toolkit bereits Wirkung gezeigt.  

Riedel beobachtete diese Auswirkungen aus erster Hand. „Ich konnte sehen, wie sich die Menschen in meinem Team persönlich weiterentwickelt haben“, sagt er. “Durch die Arbeit an dem Projekt hatte das Team die Möglichkeit, sich viel Hintergrundwissen anzueignen und sein Verständnis für das Thema zu vertiefen. Das Projekt hat sie wirklich ermutigt, und es war erstaunlich, das zu sehen.” 

Stabon spürte diese Veränderung an sich selbst. „Bevor ich mit der Arbeit an dem Toolkit begann, fühlte ich mich der Welt des Feminismus nicht nahe“, sagt sie. „Die Arbeit an dem Toolkit, die Begegnungen mit so vielen talentierten Menschen und die Gespräche mit so vielen Frauen waren eine wirklich aufschlussreiche Erfahrung. Ich habe gelernt, dass zahlreiche Frauen vor mir den Weg geebnet haben, um die Möglichkeiten zu schaffen, die ich heute als junge Berufstätige habe.“ 

Quelle: IKEM

Riedel seinerseits hofft, dass das Toolkit andere dazu inspiriert, innovative Formate zu entwickeln, um andere Ungleichheiten zu bekämpfen. Unser Ziel ist es, dass andere Menschen das Konzept sehen, es verstehen und dann anfangen, sich ähnlich kreative Ansätze auch für andere Themen vorzustellen. „Wir wollen die Menschen dazu ermutigen, die mentalen Grenzen zu überwinden, die sie für sich selbst setzen“, sagt er.   

Das Toolkit kann weitreichende Auswirkungen haben, so Steinkraus, weil es Frauen und ihre Verbündeten in die Lage versetzt, sich auf so viele verschiedene Arten für die Gleichstellung einzusetzen. Sie können das Toolkit nutzen, um sich mit den Fakten zu wappnen, mehr über die Themen zu erfahren und Ihre Reaktionen zu üben. Diese Kombination von Elementen macht es wirklich möglich, die eigene Stimme zu finden.

Das Team feiert den Start der EQT-Fundraising-Kampagne.

Dieser schrittweise Ansatz ist für die Einleitung eines nachhaltigen Wandels unerlässlich, so Steinkraus. „In diesem Toolkit befassen wir uns speziell mit dem Arbeitsplatz. Wir befassen uns mit Dingen, für die wir uns als Individuum von einem Tag auf den anderen einsetzen können. Ich denke, dass dies für viele Menschen ein guter Ausgangspunkt ist und etwas wirklich Wichtiges anspricht.“  

Dies ist jedoch nur ein Schritt in einem Prozess – einem Prozess, der, wie die Entwicklung des Toolkits selbst, von einer erfolgreichen Zusammenarbeit abhängt.  

„Wie bei jeder Ungleichheit in der Gesellschaft wird es nie an einer Gruppe liegen, Veränderungen herbeizuführen. Wir brauchen den Einsatz derjenigen, die an der Macht sind“, sagt Steinkraus. „Wir brauchen jede:n an Bord. Jede:r muss Teil des Gesprächs sein und als Verbündete:r handeln, um den Wandel voranzutreiben.“ 

Die EQT-Finanzierungskampagne endet am 3. Juli! Auf der EQT-Kampagnenseite können Sie weitere Infos zur Kampagne erfahren und das Projekt unterstützen, indem Sie ein Toolkit vorbestellen, spenden und Belohnungen auswählen, die von Tragetaschen bis hin zu individuellen EQT-Workshops reichen. 

Kontakt

IKEM – Institut für Klimaschutz,
Energie und Mobilität e.V.