Ländliche Mobilität unter Strom

Ländliche Mobilität unter Strom

Anne Freiberger ist wissenschaftliche Referentin am IKEM und leitet dort das Verkehrswendeprojekt EUniS. Im Interview spricht sie über die Relevanz des ÖPNV im ländlichen Raum und wie Busbatterien dazu eingesetzt werden können, Systemdienstleistungen im Verteilnetz zu erbringen.

“Entwicklung und Umsetzung eines nachhaltigen und innovativen Systemintegrationskonzepts für die Sektorenkopplung von Verkehr und Strom” – hinter dem Kürzel EUniS, versteckt sich ein sperriger Name. Um was geht es in dem Projekt?

EUniS will einen Beitrag zur Dekarbonisierung des Verkehrs leisten und untersucht, wie sich Energie- und Verkehrssektor mittels Elektromobilität im ÖPNV verknüpfen lassen. Mit unseren Projektpartnern entwickeln wir ein integriertes Betriebshofkonzept für die Verkehrsgesellschaft Ludwigslust-Parchim mbH (VLP), das nicht nur die Versorgung der Elektrobusse sicherstellt, sondern auch den Einsatz der Busbatterien als Speicher für Systemdienstleistungen im Verteilnetz ermöglicht.

Ludwigslust-Parchim ist ein Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern. Weshalb wurde das Projekt dort angesiedelt?

Der ÖPNV ist insbesondere im ländlichen Raum ein wichtiger Aspekt der Daseinsvorsorge und sozialer Teilhabe. Gerade deshalb muss der ÖPNV in diesen Regionen gestärkt werden, zum Beispiel durch innovative Ideen und neue Betriebskonzepte. Im konkreten Fall spielen auch praktische Erwägungen eine Rolle: Der Schüler:innenverkehr bietet sich für den Betrieb mit Elektrofahrzeugen an, da die Umläufe mit den Batteriereichweiten bedient werden können und die festen Standzeiten das gesteuerte Laden erleichtern.

Welche Aufgaben übernimmt das IKEM in EUniS?

Für ein Projekt wie EUniS sind rechtliche Fragen von elementarer Bedeutung. Energie und Verkehr sind für sich genommen schon komplexe Rechtsgebiete, die Verknüpfung beider Sektoren macht das nicht einfacher. Das IKEM stellt daher rechtwissenschaftliche Untersuchungen an, unter anderem zu Energie- und Kommunalrecht sowie Digitalisierungsaspekten. Für die beteiligten Akteure ist außerdem wichtig, welche Aufgaben im Rahmen der Elektrifizierung und der Systemintegration der E-Busse auf sie zukommen. Das IKEM erarbeitet Zielszenarien, welche die neuen Rollen von ÖPNV- und Verteilnetzbetreibern sowie ihre Beziehungen zu anderen Akteuren darstellen.

Du hast bereits die rechtlichen Herausforderungen angesprochen. Welche Hemmnisse habt ihr ermittelt?

Durch Anwendungen mit bidirektionalem Laden betreten kommunale Verkehrsunternehmen auch Aufgabenfelder im Energiebereich. Dabei operieren sie zum Teil in regulatorischen Grauzonen. Damit solche Konzepte erfolgreich eingesetzt werden können, muss der Gesetzgeber für Rechtssicherheit sorgen, etwa indem er im Energierecht die Nutzung von Fahrzeugbatterien als Speicher und Einspeiser sowohl im Nieder- als auch im Mittelspannungsnetze ermöglicht und Kompetenzen klar verteilt. Außerdem wäre eine Streichung der Stromsteuer für mobile Speicher hilfreich. Daneben ist die Weiterentwicklung der technischen Standards für Kommunikationsschnittstellen beim bidirektionalen Laden notwendig.

Lohnt sich der Umstieg auf Elektromobilität im ländlichen ÖPNV?

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Umstellung auf Elektrobusse hohe Investitionskosten für die Flottenbetreiber:innen mit sich bringt. Dafür stehen auf Bundes- und Landesebene verschiedene Förderprogramme zur Verfügung. In EUniS entwickeln wir außerdem Geschäftsmodelle, mit denen über Erlöse aus dem bidirektionalen Laden die laufenden Kosten unter das Niveau von Dieselbussen gesenkt werden können. Dazu zählen kombinierbare Konzepte zur Erbringung von Systemdienstleistungen, zur Optimierung von Netzentgelten, zum Einsatz in der Ausfall- und Notstromversorgung sowie zur Bereitstellung von Flexibilitäten auf dem Großhandelsstrommarkt.

Wie geht es im Projekt jetzt weiter?

Unser Projektpartner eMIS Deutschland GmbH nutzt die Projektergebnisse, um andere ÖPNV-Betreiber bei Anschaffung von Elektrobussen zu beraten sowie bei der Stellung von Förderanträgen, bei Ausschreibungen sowie bei der Inbetriebnahme der Busse und Ladeinfrastrukturen zu unterstützen. Die VLP selbst strebt langfristig eine vollständige Umstellung auf Elektrobusse an.

Sind die Ergebnisse auf andere Bereiche übertragbar?

Ja, denn das Konzept, Fahrzeugbatterien am Energiemarkt für Systemdienstleistungen anzubieten, ist nicht auf den ÖPNV beschränkt. Auch Paket- und Postdienstleister, oder Abfallentsorger operieren in der Regel mit einer Ladeinfrastruktur auf einem Betriebshof, festen Standzeiten und einem verlässlichen Fahrplan. Auch wenn es einige Besonderheiten für kommunale Verkehrsunternehmen gibt, bietet EUniS eine Blaupause, auf der letztlich alle Betreiber:innen von Fahrzeugflotten aufbauen können.

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Ansprechpartner:in für Presseanfragen

IKEM – Institut für Klimaschutz,
Energie und Mobilität e.V.